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Bis in die späten siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein war Absinth ein Luxusgetränk. Dies änderte sich, als die Reblauskatastrophe eine Weinernte nach der anderen zunichte machte und die Konsumenten sich noch mehr auf den Absinth verlegten.
Da zahlreiche Absinthdestillerien nun nicht länger Branntwein, sondern aus Zuckerrohr oder Getreide erzeugten Industriealkohol verwendeten, wurde Absinth gleichzeitig billiger, so daß er auch für die Arbeiter erschwinglich wurde. Dies trug dazu bei, daß der Absinthkonsum bis zum 1. Weltkrieg noch einmal um das Fünfzigfache anstieg.
Mit der massenhaften Verbreitung gingen unterschiedlich motivierte Bestrebungen einher, Absinth zu verbieten. Ärzte und Wissenschaftler versuchten nachzuweisen, daß Absinth für alle erdenklichen Übel der Zeit verantwortlich war, von Epilepsie und Impotenz über Tuberkulose und Syphilis bis hin zu Kriminalität, Suizid und Wahnsinn.
Ein Absinthgegner verkündete:„Wenn Absinth nicht verboten wird, wird unser Land bald eine riesige Gummizelle sein, in der die Hälfte der Franzosen damit beschäftigt ist, die andere Hälfte in Zwangsjacken zu stecken.“
Klerikale und konservative Kreise sahen im Absinth die Ursache für Sittenverfall und Umstürzlertum. Ein führender Journalist schrieb:„ Ich bin für Wein und gegen Absinth, so wie ich für die Tradition und gegen die Revolution bin.“
Die Linke hingegen meinte, Absinthkonsum würde das Klassenbewußtsein aushöhlen. Das sozialistische Blatt L’Humanité erklärte, der absinthtrinkende Arbeiter sei „ nicht nur ein schlechter Vater und ein schlechter Arbeiter, sondern auch ein verachtenswerter Genosse, der die gesamte Arbeiterschaft verrät.
Die Antialkoholbewegung mühte sich gar, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, verbündete sich mit den Weinbauern und propagierte Wein als heilbringenden Ersatz.
Gleichwohl konnten die Gegner des Absinths im Parlament keine Mehrheit für ein Verbot zustandebringen - nicht zuletzt weil der florierende Absinthhandel beträchtliche Steuerein-nahmen garantierte.
Mit dem Anwachsen der politischen Spannungen in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergriff jedoch die französische Generalität immer striktere Maßnahmen gegen den Absinthkonsum innerhalb des Militärs, weil man befürchtete, er unterminiere die Verteidigungsfähigkeit der Nation.
Unmittelbar nach Ausbruch des 1. Weltkrieges erließ die Regierung auf Drängen der Militärführung ein landesweites Verkaufsverbot für Absinth. Wenige Monate später folgte das Parlament diesem Beschluß und verabschiedete ein Gesetz, welches die Herstellung und den Verkauf von Absinth untersagte. Dieses Gesetz trat im März 1915 in Kraft.
In dieser Zeit wurde Absinth auch in den meisten anderen europäischen Staaten sowie in den USA verboten. Zwar wurden ohnehin weltweit prohibitionistische Gesetze erlassen, doch blieb Absinth die einzige Spirituose, die jemals ein spezielles Verbot traf, das auch nach dem Ende der Prohibition nicht wieder aufgehoben wurde.
In Frankreich wurde als Absinthersatz Pastis auf den Markt gebracht, ein Anisschnaps, der jedoch keinen Wermut enthält. Aber auch der echte Absinth wurde in kleineren Mengen weiterhin hergestellt, so in Spanien und Portugal, wo er niemals illegal war, oder in Böhmen sowie der französischen Schweiz, der Heimat des Absinths, wo sich bis heute eine rege Schwarzbrennertradition erhalten konnte.






