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Blütezeit

 

Pernod konnte die Produktion auf 20.000 Liter am Tag steigern und dann bis Ende des Jahrhunderts noch einmal verfünffachen. In Pontarlier gab es zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 20 Destillerien, und Absinth hatte mit amerikanischen Metropolen wie New York, Chicago, San Francisco und New Orleans, mit Buenos Aires, Madagaskar, Indochina und Tahiti fast alle Teile der Welt erreicht.

Unübertroffen jedoch blieb der Erfolg des Absinths in Frankreich. Dort hatte er gegen Ende des 19. Jahrhunderts längst alle Schichten der Bevölkerung erobert. Für Alkoholisches war man ohnehin offen, und nun trank man zu jeder Tageszeit Absinth.

Am Nachmittag, während die Engländer an ihren Teetassen nippten, füllten sich die Cafés, in den Gläsern schimmerte es grünlich, La Fée Verte zauberte einen Glanz auf die Augen und weckte den Esprit. Diese dem Absinth geweihte Stunde hieß schon bald l’heure verte.

Den größten Zuspruch fand Absinth seit jeher bei Künstlern, Intellektuellen und Bohemiens. Diese tranken ihn nicht nur bei jeder Gelegenheit, sondern experimentierten mit seiner Wirkung, ließen sich vom Rausch inspirieren, gaben sich der Wahrnehmungsveränderung hin.

Zu den namhaftesten Absintheuren zählten Baudelaire, Manet, Verlaine, Rimbaud, Oscar Wilde, Degas, Toulouse-Lautrec, van Gogh, Gauguin, Picasso. Von der Beliebtheit, deren sich Absinth in diesen Kreise erfreute, zeugen zahlreiche Anekdoten und Legenden sowie die vielen Gemälde und Gedichte, die den Absinth zum Sujet haben.

Über das Werk Toulouse-Lautrecs wurde gesagt, seine Bilder seien völlig in Absinth gemalt. Damit war wohl in erster Linie die halluzinative Strahlkraft gemeint, die von vielen seiner Gemälde ausgeht, gleichzeitig aber auch angedeutet, daß Toulouse-Lautrec dem Absinth ausgesprochen zugetan war, was schließlich dazu führte, daß er eine dreimonatige Entziehungskur über sich ergehen lassen mußte.

Für den Dichter Verlaine gehörte der Absinthkonsum so sehr zum täglichen Leben wie zu seinem Selbstverständnis, daß er aus seinen Trinkgewohnheiten eine Grußformel machte. Ein Literat schreibt über seine Begegnung mit Verlaine auf einem belgischen Bahnhof:„ Ein Fenster in einem Wagen der dritten Klasse öffnete sich mit großem Geklapper und umrahmte das faunartige Gesicht des alten Dichters. Er rief: ‘Ich trinke ihn mit Zucker!’ Das war offenbar sein üblicher Gruß, wenn er auf Reisen war, eine Art Schlachtruf oder Parole.“

Baudelaire, der Verfasser des Gedichtsbands Les Fleurs du mal, wurde zum Urvater aller Punks, indem er sich seine Haare bunt färbte - er wählte Grün, die Farbe des Absinths.

Wie der Maler Gauguin berichtet, hat ihm van Gogh einmal im Laufe einer Auseinandersetzung sein Absinthglas ins Gesicht geschüttet. Am nächsten Morgen konnte sich van Gogh an nichts erinnern. Drei Tage später schnitt er sich dann in einem Zustand geistiger Umnachtung seine linke Ohrmuschel ab, steckte sie in einen Briefumschlag, gab diesen einer Prostituierten und trug ihr auf, ihn gut zu bewachen...

© 2010 ABSINTHEON